Hungerstreik

Was ich in den letzten Tagen in den Medien gelesen habe. Eine Gruppe junger Menschen geht in den Hungerstreik. Ihre politische Forderung ist ein öffentliches Diskurs-Gespräch mit einem der Kanzlerkandidat_innen. Sie campen auf der Bundestagswiese.

Die Kanzlerkandidat_innen fordern auf den Hungerstreik zu beenden. Immerhin reagieren sie darauf. Die Mediale Aufmerksamkeit ist da. Die Wahlkampfveranstaltungen der Kandidat_innen werden lautstark von Aktivist_innen „gestört“ im Sinne von Fokuslenkend eingenommen.

Ich teile meine erste Reaktion aus meinem Realpolitischen Anteil:

Sag mal hackts? Ich gehe voll in Solidarität, wenn ihr Zentralen von politischen Entscheidungsinstitutionen besetzt oder Häuserfassaden für eure Plakataktionen einnehmt. Ich finde es OK, dass ihr die Schule bestreikt und den Autoverkehr blockiert und Wälder besetzt und euch für zivilen Ungehorsam von der Polizei wegtragen lasst. Es gibt den Terminus von friedlichen und gewaltfreien Widerstand/Protest usw. Aber bei der Gefährdung von Körpern riskiert ihr Sympathien. Ich erinnere an den Flug von Greenpeace ins Münchner Olympiastadion, wo zwei Menschen verletzt wurden.

Mit einem Hungerstreik gefährdet ihr physische Körper und das Leben an sich. Mit diesem Bedrohungsszenario eine politische Forderung durchsetzen zu wollen ist für mich Terrorismus. Terrorismus versucht mit Gewalt gegen Menschen politische Ziele zu erreichen, wenngleich es natürlich einen eklatanten Unterschied macht, das eigene anstatt andere Körper/Leben zu gefährden, so muss ich diesen Vergleich ziehen.

Mit Terrorist_innen verhandelt mensch nicht. Auf keinen Fall sollten Baerbock, Scholz oder Laschet nachgeben. Wenn sie nachgeben schafft das einen Präzedenzfall und normalisiert diese Form von politischen Protest. Es wird Nachahmer_innen geben. Was wenn jemand in den Hungerstreik geht, weil er für die Abschaffung der Maskenpflicht ist? Gegen die Zwangsimpfung für bestimmtes Personal, was ein teilweise Berufsverbot für Pfleger_innen oder Erzieher_innen in Kitas oder auch Lehrer_innen bedeuten kann?

Mein Realpolitischer Anteil hofft, dass ihr den Hungerstreik beendet oder, das ist der eigentliche zentrale Punkt, dass ihr ihn überlebt. Vielleicht bis nach dem Wahlsonntag.

Jetzt ist ein Artikel auf Tagesspiegel (24.09.21) erschienen mit einem 34min langem Video. Das hat mich berührt und was in mir bewegt in meiner Einordnung. Jetzt habe ich euch gehört, gesehen und gespürt. Ich lasse mich mal aus diesem Realpolitischen Anteil herausfallen und nehme die Realität zur Kenntnis.

Die Kacke ist so krass am Dampfen, die Verzweiflung so groß und das Bewusstsein immer noch viel zu klein. Und ja ihr habt Recht. Die Leute in Deutschland haben es immer noch nicht gerafft. Sie haben das mit den Aerosolen nicht verstanden, wusste ich auch nicht, die Kipppunkte mit dem Schmelzen der Arktis und dem Freisetzen von Methan unter Bodenfrost. Die Leute haben nicht verstanden, dass wenn dann irgendwann mal rauskommt, das die Wissenschaft dann doch Recht hatte, dass es dann nicht rückgängig zu machen ist, dass es in den Jahrtausenden natürlich immer Klimaveränderung gegeben hat, aber nie eine so enorme und menschenbeeinflusste in diese Richtung. Das FCKW hatte auch massiv Einfluss und daraufhin gab es neue Spielregeln. Die Menschen haben nicht verstanden, dass wir nicht mehr die Wahl haben zwischen einer blumigen („sonnigen“ wäre der falsche Terminus jetzt) Zukunft und einer Klimakatastrophe. Wir haben die Wahl zwischen 1,5° Klimakatastrophe und darüberhinaus eine schnellere und heftigere Eskalation. Dieses Thema steht verdammt nochmal über allen politischen Formen, über allen Themen, ja es steht auch über politischen Mehrheiten und über jede andere Ideologie und vor allem über irgendwelchen whatthefuckfinanzoderlobbyinteressen. Und ja danke für den Hinweis, dass das die Maßnahmen aus dem Wahlprogramm der Grünen nach offiziellen Studien von anerkannten Deutschen Institutionen auch nicht ausreicht. Das Thema steht über jedem Widerstand von Autofahrer_innen oder Steuerzahler_innen oder der Frage wer soll den Klimaschutz denn bezahlen? Wer soll das bezahlen, wenn das Klima nicht geschützt wird? Die junge Generation muss dann damit umgehen, dass der Meeresspigel um bis zu 7m steigt. Dass die zweigrößte Stadt der Welt aus Nigeria mit 20 Mio Menschen unter Wasser liegen wird. Das wir Land verlieren werden, dass Inseln mit Flora und Faune verschwinden werden, dass wir enorme Geflüchtetenströme kreiren werden, dass wir Hungerkatastrophen auch in Deutschland haben werden, weil Dürre Ernten bedroht und bestimmte Lebensmittel nicht mehr in den gleichen Regionen angebaut werden können. Es wird Kriege um Süß-/Trinkwasser geben. Und wenn ich was persönliches sagen darf. Ich mag zuviel Hitze nicht. Ich finde Urlaub im Süden und zuviel Sonne anstrengend. In Spanien im Urlaub ist es zwar toll, wenn ich nur am Strand liegen muss. Aber ich habe keine Lust bei den Temperaturen zu arbeiten. Die Spanier_innen haben ja auch extra ne Siesta, die müssten wir in Deutschland dann auch einführen. Ich will das nicht. Ich mag das Deutsche Klima und den Deutschen Wald und dass ich mir keine Angst um ausreichend Trinkwasser machen muss.

Boah und ja, ich bin richtig gut berührt von Habeck. Mit welcher Demut und welcher Herzlichkeit und paternalistischer Sorge er das Gespräch mit den jungen Menschen gesucht hat. Es ging ihm nicht um die Bilder, die Kameras und es war auch voll OK, dass er kommt, weil der nicht Teil der Forderung dieser Aktivist_innen war und mit ihnen redet und sich aufzeichnen lässt. Geil wie du den Fokus lenkst und auch deine Grenzen setzst, dass du nicht da bist um Hot-Chair-Fragen zu beantworten, wie du Haltung in einer angespannten Situation zeigst. Geil wie du die Demokratie hochhältst, wie du deinen Weg der Mitte verteidigst und das Nebeneinander von Utopie und die Mitte erreichen betonst, auch mit dem Tool von im Wahlkampf für Mehrheiten und Bewusstsein zu werben. Geil wie du selbstkritisch und ehrlich mit dem eigenen Wahlprogramm umgehst. Die Tatsache, dass das Grüne Wahlprogramm nicht ausreicht um das international beschlossene 1,5° Ziel zu erreichen lässt mich überlegen die Klimaliste in Berlin und und Bezirk zu wählen. Die Grünen können nicht in die Mitte gehen, wenn die Mitte so scheiße ist. Die Grünen haben gefälligst ein Wahlprogramm vorzulegen, welches in die andere Mitte geht in der das 1,5° Ziel eingehalten wird.
Ich kann mich erinnern, dass du, Robert Habeck auf dem Bundesparteitag mit deiner Rede dafür gesorgt hast, dass der Änderungsantrag beim Co2 Einstiegs-Preis 80€ anstatt 60€ betragen soll abgelehnt wurde. (die Zahlen müssen nicht stimmen, Erinnerung, nicht recherchiert) Mit der Begründung, dass wir das der Bevölkerung nicht zumuten können. Du Schisser! Für die Widerstände der Bevölkerung hätte es keinen Unterschied gemacht, ob ihr 60€ oder 80€ beschließt, weil die Menschen diese Zahl gar nicht erfassen oder übersetzen können auf steigende Kosten im Alltagsleben. Der Widerstand gegen die Grünen wäre bei beiden Zahlen nahezu der gleiche. Die eigentlichen Kosten für eine Tonne sind 180€ und da müssen wir hin. So schnell wie möglich. Nach der Wahl. Jetzt in den Nächsten 100 Tagen und mal auf alle Langzeitbeschlüsse scheißen. Und ja vielleicht braucht es ein Rot-Grün-Rotes Bündnis, weil die Linkspartei die Grünen mit den Klimaforderungen schon überholt hat(!), was peinlich für eine Grüne Partei ist. Ja, Fuck, ihr habt gefälligst das grünste Programm von allen zu haben. Ja, vielleicht brauchen wir das wovor FDP und Union und AFD gerade warnen. Einen Abbau der Wirtschaft. Einen Abschwung, einen Abbau von Arbeitsplätzen und Wohlstand. In dem zusammenhang ist auch eine Schuldenbremse wichtig, weil das reinpumpen von Geld uns über unsere Verhältnisse leben lässt. Ja, ich weiß, die Grünen brauchen Stimmen aus der bürgerlichen Mitte, die Angst um ihren Wohlstand hat und ihr seid den Green New Deal eingegangen, welcher weiterhin auf Wirtschaftswachstum setzt. Die Autoindustrie hat euch an den Eiern. Die Elektroautos bringen enorme Verschrottung und Konsumankurberlung und somit Umsätze, während die Klimabilanz für Elektroautos unter Einbeziehung von Produktion und Verschrottung der Batterien hinterher katastrophal ist und auch der Verbrauch von seltenen Erden.

Screenshot youtube

Aber Habeck, deine Größe, deine Tiefe, deine Charisma, dein Herz, dein Engagement in allen Ehren. Auch Respekt vor deinem sichtbaren Schmerz, dass du losgelassen hast für die Frauenquote, obwohl du im Vorfeld mit dem Loslassen eines Ministerpostens in Schleswig Holstein schon vorher viel mehr geopfert hast für die Spitzenkandidatur als Andrea Baerbock. Toll für die Frauenquote. Aber hier ist sie mal Schrott gewesen. Eine Fehlentscheidung. Es hätte eine basisdemokratische Urabstimmung gebraucht bzw. eine Doppelspitzenkandidatur in der ihr bis zuletzt auf jede Frage von Journalist_innen nach Kanzler_innenkandidatur mit Demut reagiert hättet und immer wieder gesagt hättet, erst Wahl, dann Koalitionsverhandlungen, dann Inhalte und zuletzt werden die Posten verteilt und ihr immer wieder nur die Doppelspitze betont hättet. Wenn ihr das durchgezogen hättet und euch nicht dem Druck der Medien gebeugt hättet, dass ihr, weil ihr mal zwei Wochen in den Umfragen vorne ward, eine Kanzler_innenkandidat_in braucht, weil die Medien das so gerne hätten, dann hättet ihr ein spannendes, interessantes, demütiges Feld aufgebaut. Die Menschen hätten es irgendwann akzeptiert und euch wegen eurer Inhalte gewählt und weil ihr geheimnisvoll gewesen wäret. Der Bundestag wählt die Kanzler_in zu einem Zeitpunkt, wo mehr Informationen vorhanden sind als vor der Wahl. Nicht die Wähler_innen. Die Wähler_innen wählen Parteien mit Spitzenkandidat_innen, die dann zu Fraktionen werden. Was die Fraktionen dann machen und Aushandeln und wen sie als Regierungschef_in wählen das bleibt dem Gewissen der Abgeordneten überlassen. Ich als Wähler_in habe keinen Anspruch darauf das vorher erfahren zu müssen.

Die Menschen wollen Grüne Klimaschutzpolitik, leider nur, wenn es abstrakt bleibt und die anderen betrifft. Aber wenn es dann konkret wird, mit persönlichen Einschränkungen verbunden wird oder gar mit dem Horroszenario Verboten, dann knicken die Menschen ein. Im Feld war gewollt, dass Schwarz-Grün übernimmt. Klimaschutzpolitik unter Führung der wirtschaftlichen Stabilität. Das Feld hättet ihr demütig bedienen können. Mit euerm Führungsanspruch durch eine Kanzler_innenkandidat_in triggert ihr die Angst der Menschen, die offensichtlich noch nicht soweit sind euch die Führung geben zu können.

Ich erinnere an den Wahlkampf 2011 in Berlin. Die Grünen waren bei 30% in den Umfragen. Damals eine absolute Sensation. Sie machten den katastrophalen Fehler, der nicht im Vorfeld als Fehler zu sehen war und die Grünen stellen Renate Künast auf als Bürger_innenmeister_innenkandidat_in. Fachliche eine hochkompetente Politikerin und ich kann sie mit meiner Zweitstimme für die Bundestagslandesliste in Berlin wählen. Es ging danach jede Woche nur noch runter in den Umfragen. Das Wahlergebnis lag dann nochmal unter der letzten schlechtesten Umfrage. Ich glaube sie wurden nur dritt-(oder viert)stärkste Kraft und die SPD entschied sich gegen eine Koalition mit den Grünen für die Linke, (die gleich viele Abgeordnete hatte) weil die zuverlässiger und weniger zerstritten waren.

Mein geschenkter Tipp: Stellt keine Kanzler_innen oder Bürger_innenmeister_innenkandidat_innen auf. Außer natürlich sie sind so grünkonservativ, dass sie die bürgerliche Mitte nicht verschrecken, wie Kretschmann. Bettina Jarasch ist in Berlin auch eine Katastrophe im Bereich Präsenz. Ich habe keine Zitate von ihr in den Medien wahrgenommen. Ich habe ihre Stimme nicht einmal vernommen. Selbst im Wahlwerbespot spricht eine andere Stimme aus dem Off und sie liefert nur Agenturbilder, hält nur ihr Gesicht und ihren Körper, der sich durch Situationen bewegt in die Kamera. Und ja sie ist „nett“ (nett ist nicht positiv konnotiert). Ich durfte sie kennenlernen. Kurz bevor sie Landesvorsitzende wurde, hat sie sich dem Kreisverband Marzahn-Hellersdorf vorgestellt, für die ich Bezirksverordneter war. Aber keine Präsenz, keine Inhalte, kein nach vorne drängen in die Medien, kein Spüren, dass sie an die Spitze will, ich gehe sogar soweit zu mutmaßen, dass sie sich versteckt, weil sie Angst vor dem Amt hat und lieber nur mitregieren möchte anstatt volle Verantwortung zu tragen.

Sorry jetzt habe ich mich im Artikel etwas verrannt und es sind Sachen durch mich durchgeflossen, die ich in anderen Artikeln eigentlich noch verarbeiten wollte, bspw. einem Artikel zur aktuellen Wahl, inklusive Berlinwahl und Volksentscheid. Aber jetzt ist mal einiges zu den Grünen gesagt, was von mir gesagt werden wollte, auch wenn es nicht die passendste Stelle ist. Jetzt ist es raus. Ich bin zwar institutionell ein Niemand gerade, aber eure Berater_innen können sich trotzdem mal meine strategische Analyse durch den Kopf gehen lassen und im Falle von Resonanz gerne was spenden an meinen Paypalaccount. 😉

Zurück zum Fokus. Danke Habeck, dass du hingegangen bist und jetzt dieses Video entstanden ist. Danke, dass sich jetzt ein Bedürfnis von gesehen werden erfüllen darf, ohne dass erpresste Menschen auf eine Forderung eingehen mussten. Danke, dass diese Menschen mit ihrer Sprache jetzt Gehör finden. Es hat ne andere Qualität als wenn intellektuelle Fridays-for-Future-Aktivist_innen in eine Talkshow eingeladen werden und die sich vorher schon ein Rollensprech aneignen. Es ist auch anders als die Protestaktionen um Aufmerksamkeit zu generieren. Es ist wirklich schön den Menschen und ihrer Frequenz und ihrer guten Auswahl an Worten und Frequenzen Raum zu geben. Auch schön zu sehen, dass sich gegenseitig zugehört wird.

Bitte teilt das Youtubevideo, teilt den Tagesspiegelartikel und gerne auch diesen Blogartikel.

Aho

Christian Fender

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