Hallo Vater

Das ist der Brief, den ich auf der Schweigeparty geschrieben habe. Related zu „die Geburt“.

Hallo Vater,
Hallo Mohammed Ibrahim Kauser/Kausa

Ich lehnte es ab dir zu schreiben, aber offensichtlich steht es an. Ich bin fassungslos darüber, dass du nie den Kontakt zu mir gesucht hast und ich jetzt diesen Schritt unternehmen „muss“. Ich leide unter deiner Abwesenheit, ich bin wütend, dahinter ist energetische Leere. Mir fehlt was. Männliche Sozialisation, Vaterfigur, Grenzen, Vollständige Familie sowie meine muslimischen/afghanischen Anteile.
Hinter dieser Leere ist Trauer, Wut, Schmerz, Minderwertigkeit, Ablehnung.
Als Erwachsener Christian habe ich dir vergeben. Ich erkannte in einer Reise mit der Kaktuspflanze San Pedro [männliches Pendant zur mütterlichen Qualität Ayahuasca] das Muster in der Vaterlinie. Du konntest keine Verantwortung für mich übernehmen, weil für dich auch keine Verantwortung übernommen wurde. Ich werde dieses Muster durchbrechen und für meinen Sohn oder meine Tochter ein präsenter Vater zu sein.
Mein Inneres Kind ist immer noch voller Bockigkeit und Trotzigkeit. Es hat noch viele (Releasing-)Prozesse vor sich bevor es bereit ist dir zu vergeben. Ich beobachte Muster in meinem Leben, die mir noch unterbewusste Störungen spiegeln. Ich möchte heilen, ich möchte mein Thema mit dir, unser Thema, klären. In Systemischen Aufstellungen sah ich, dass du fast sogar mehr unter dem Thema leidest als ich. Wie bewusst oder verdrängt das bei dir das ist, weiß ich nicht.

In meiner Fantasie stehe ich irgendwann vor deinem Haus. Ich stelle mir vor, dass du eine Familie gegründet hast und es einige Verwandte zum Kennenlernen gibt. Wäre echt interessant zu wissen, ob du von mir erzählt hast oder ob ich ein unausgesprochenes Geheimnis geblieben bin. Je nachdem wird der Überraschungseffekt meines Auftauchens unterschiedlich ausfallen. Ich stehe jedenfalls irgendwann da uns sage „hier bin ich“. Ich weiß nicht, ob ich in dem Moment mental gefasst oder getrennt bin, ob ich vor Glück weine, oder vor Trauer und Schmerz zusammenbreche. Vielleicht haue ich dir als erstes auch erstmal eins in die Fresse.

Ich habe Angst bürokratische/formale, finanzielle und sicherheitstechnische Hürden zu überwinden. Es wäre viel leichter für dich, mich in Deutschland zu finden, als dass ich dich in Afghanistan finde. Euer Einwohner_innenmeldeamt stelle ich mir nicht so ausgebaut vor wie unseres und auch die Post läuft da ja ganz anders ab als bei uns. Die Sicherheitslage für nen Deutschen, der von seiner Mutter „christian“ genannt wurde, und als ehemaliger Grüner Politiker, der den Bundeswehreinsatz in Afghanistan zur Befreiung von den Taliban mitgetragen hat, ist sicherlich nicht ganz so rosig. Ich habe Angst entführt oder getötet zu werden. Einmal war ich nach einer Kündigung soweit einen dreiwächigen Urlaub in Kabul zu machen. Wegen der anstehenden Wahlen vor Ort, habe ich aber kein Visum bekommen.

Wie dem auch sei, eine Begegnung steht an. Danke Universum, dass du es möglich machst, und Söhne mit ihren Vätern verbindest.

Christian Fender

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Hallo Vater

  1. Pingback: Outing und Reflektion „Game of Connection“ | Christian Fender

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s