Hochsensibilität

Thomas Bröker (hochsensibilitaet.net) hat letztes Jahr monatlich einen Vortrag zum Thema Hochsensibilität im SPIRIT BERLIN gehalten hat. Innerlich wunderte ich mich, dass jedesmal 50 bis 70 Leute kamen. Es war doch immer das gleiche Thema, wieso kommen die Leute immer wieder oder schaffte er es gar mit diesem Thema immer wieder so viele neue Leute anzuziehen.

Thomas kannte ich schon, unter anderem von Authentic Relating Games mit Lucas. Aber um diesen Vortrag Hochsensibilität habe ich einen Bogen gemacht. Mein Bild von Hochsensiblen war schon fertig. Ich dachte, dass das die Menschen sind, die hochempathisch sind und sich krass in andere emotional reinfühlen können. Gleichzeitig hörte ich auch häufiger von der Schwierigkeit, dass manche sich nicht abgrenzen können und sie unbewusst Emotionen von anderen in sich aufnehmen. Zu diesem Zeitpunkt bin ich häufig solchen Menschen begegnet, habe mir diese Form von Empathie aber selber nicht zugeschrieben.

Über ein Freiticket vom SPIRIT BERLIN machte ich dann doch einmal mit, da seine Vorträge ja auch immer mit praktischen Übungen, unter anderem Authentic Relating Games, verbunden waren, und solche Erfahrungen mich schon sehr anziehen.

Als ich dann den Ausführungen über Hochsensibilität lauschte öffnete sich in mir was. Wow, er hielt sich nur ganz kurz mit Definitionen (ca. 20% sind hochsensibel) auf und näherte sich dem Thema über viele Anekdoten und Beispielen und ich ging wirklich mit jeder von ihnen in Resonanz. Mein Bild veränderte sich komplett. Er erläuterte z.Bsp. das Phänomen „emotionaler Nachklang“.

„Am Ende eines Kinofilms sitze ich gerne da bis zum Abschluss des Abspanns und möchte im Anschluss mich emotional mit meinen Begleiter_innen über diesen Film austauschen während andere rausgehen und schon darüber diskutieren in welcher Kneipe jetzt Bier getrunken wird.“ Ich war sehr berührt von dieser Anekdote, weil ich darunter oft sehr gelitten habe. Mittlerweile fordere ich mir mein Bedürfnis aber auch viel stärker in meinem Freundeskreis ein.

Ein weiteres Beispiel war, dass HSP (hochsensible Personen) in solchen Persönlichkeitstest eher 10en und 1en ankreuzen während sich nicht HSP mit ihren Antworten in der Regel im Mittelfeld einordnen. Kurz zuvor hatte ich solch einen Test in einem Coaching gemacht und hatte genau dieses Muster. Entweder in einem Bereich richtig gut sein oder ganz starke Probleme haben.

[In diesem Blogeintrag und insbesondere ab hier geht es um eine eigene persönliche Interpretation von mir und HSP, ab hier hat es nichts mehr mit Thomas und seinen Vorträgen zu tun. Nur insofern, dass sie mich sehr berührt haben.]

Es geht anscheinend nur um gewisse Muster, die sich in Form von vielfältigen Talenten ausdrücken. Die Definition legte nicht fest in welchen Bereichen ein Mensch besondere Wahrnehmungen hat. Bei mir ist es halt nicht auf der Ebene der Empathie, sondern auf einer anderen Ebene. Ich beobachte, dass ich „im Raum“ in Gruppendynamiken immer viel mehr gleichzeitig mitbekomme als andere. Und durch das Circling entdecke ich, dass ich, dass ich mich auch krass in manch andere Menschen reinspüren kann und ihre Themen wahrnehmen kann. Dies mache ich aber nicht mit Hilfe von Empathie, sondern entweder über Übertragungsenergie, die ich aus Systemischen Aufstellungen kenne oder dadurch, dass ich einen energetischen Raum kreiere, ein Feld schaffe in dem ich übersinnlich wahrnehme. Ich entdecke dieses Talent neu. Ich habe es bisher unterdrückt, weil es bedrohlich auf mich wirkt, weil es mir Angst gemacht hat und ich es nicht wirklich kontrollieren kann. Es ist schön anzufangen aufzuwachen und dieses Talent für mich zu entdecken. Ich kann es noch nicht kontrollieren, entweder es kommt, wenn es in Resonanz mit der anderen Person ist, oder es blockiert, wenn ich an diesen Zustand mit „Willen“ ranmöchte. Aber ich lerne mehr und mehr den Weg, dieses Talent bewusst einzusetzen.

Ein weiterer Punkt ist das Feld von Gleichzeitigkeiten. HSP nehmen mehr pro Zeiteinheit wahr und haben deshalb auch mehr zu verarbeiten. Das ist im Übrigen auch ein Grund warum ich so viel rede. Wenn mich jemand fragt wie es mir geht oder wie eine Veranstaltung war, dann ploppt ein Tab mit Text und Bildern vor meinem geistigen Auge auf und es fällt mir sehr schwer meinen Redeimpuls in die erwartete Kurzformatwort zu pressen. Ich leide darunter, dass ich meine Mitwelt mit meinem Bedürfnis gesehen zu werden und mich ausdrücken zu wollen überfordere. Viele Menschen schalten ab, wenn ich rede, aber es gibt diese Menschen, die mir ohne Probleme zuhören können, die mich erfassen, die das Gesagte nicht in ihre einfachen Schablonen von Welt pressen und mich nicht häufig missinterpretieren.

Ich bin sehr dankbar und erlaube mir jetzt für mich das Label „hochsensibel“ zu verwenden. Es hatte einfach alles gepasst. Es erklärt vieles.

Ich verstehe mich und meine Probleme mit vielen Mitmenschen besser. Da ist noch ein ungelöstes Wut-Thema, dass ich mich von vielen Nichthochsensiblen stark bewertet und abgelehnt fühl(t)e, dass ich mich nicht gesehen und missverstanden fühle. Mich ärgert, dass die Denk- und institutionellen und bürokratischen Strukturen, welche die Mehrheit der Gesellschaft kreiert, leider oft auch die Bedürfnisse von Hochsensiblen nicht erfasst, sie gar versucht zu unterdrücken und die Menschen anzupassen.

Hochsensible sind anders. Wir sind nicht besser. Wir haben sicherlich nicht die höheren Bildungsabschlüsse oder sind die erfolgreicheren oder sympathischeren Menschen. Nein, gerade für Karriere, braucht es einen geradlinigkeit und ausdauernden Focus, den Hochsensible so in der Form nicht unbedingt haben müssen. Wir haben viele Focusse unsere Impulse führen uns von der einen Idee ins nächste Projekt. Ich gehe gerne über meine Ressourcen und körperlichen Grenzen, um so viele Anteile wie möglich auszuleben. Es ist herausfordernd, die den Focus zu focussieren und Prioritäten zu setzen. Aber es macht mein Leben lebendig und vielfältig. Ich wünsche mir, dass dieses Thema mehr Raum einnehmen wird in der öffentlichen Wahrnehmung und mehr Verständnis in der Gesellschaft entstehen wird und ein mehr an Akzeptanz von allen Seiten für die verschiedenen Qualitäten des Seins ausgebaut wird.

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2 Antworten zu Hochsensibilität

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